Dienstag, 14.03.2006
vergasungspark: kunst darf alles? auch menschen ins gas schicken?
der spanier santiago sierra ließ am sonntag abgase von sechs autos in in eine ehemalige synagoge von pulheim-stommeln bei köln leiten, um damit auf die angeblich herrschende "banalisierung der erinnerung an den holocaust" aufmerksam zu machen. nun, über geschmack und kunst läßt sich trefflich streiten, doch es ging noch weiter, denn anschließend betraten dutzende besucher dieses kunst-events "245 Kubikmeter" den mit tödlichem kohlenmonoxid gefüllten raum in begleitung eines feurewehrmannes mit gasmaske, nicht ohne zuvor ärztlich wie banal wiederum diese kunst-aktion ist, zeigt der geringe abstraktionsgrad des events. wäre es möglich, hätte der künstler vielleicht auch die verbrennungsöfen wieder mit echten toten gefüllt, damit sich die besucher (wiederum mit gasmaske) eine konkrete vorstellung von der verbrennung der opfer machen können, oder hätte er sie im feuerbeständigen schutzanzug selbst in die öfen geschickt? letztlich ist das nichts anderes als "holocaust-porno".
vielleicht können sich die besucher demnächst auch peitschen und foltern lassen, damit sie auch davon einen nachhaltigen eindruck bekommen. wie wäre eine injektion mit fleckfieber oder thyphus? sollte ich die kunstaktion völlig mißverstehen und der effekt so beachtlich sein, daß die shoa, der holocaust, aus der unterstellten banalität enthoben wird, dann lasse ich mich evtl. eines besseren belehren. vielleicht, ja vielleicht bauen wir dann auch noch einen kz-container auf, mit 24-stunden-live-übertragung für das bezahlfernsehen? bekommt der gewinner des kz-containers dann das zahngold der zuvor in die öfen gewählten?
[ach, und wem es emotional ein bedürfnis ist, haptisch das grauen der abgas-vergiftung zu begreifen, der oder die darf sich jederzeit einen schlauch in den mund stecken, aus dem abgase aus dem eigenen pkw in der garage kommen oder gas aus dem hauseigenen herd]
"Giordano hatte die Aktion als eine "Niedertracht sondergleichen" kritisiert. "Hätte Sierra auch nur die kleinste innere Beziehung zu der Welt der Opfer, hätte er sich sein Pulheimer Machwerk verkniffen", sagte der Holocaust-Überlebende. "Den Ermordeten und den Überlebenden des Holocaust bleibt in Deutschland nichts, aber auch nichts erspart", kritisierte Giordano. Die Aktion von Sierra habe nicht das Geringste mit Kunst zu tun, [...]
Der Bürgermeister der Stadt Pulheim, Karl August Morisse, sagte ..., er habe diese Kritik nicht erwartet. Eher wäre man auf Proteste aus "Täterkreisen" eingestellt gewesen. Er und die übrigen Kulturverantwortlichen der Stadt begriffen nicht, dass dies eine Beleidigung der Opfer sein solle. Die Grauen erregenden Tatsachen des Holocaust würden in dem Projekt "offen benannt". Vielfach habe das Werk bei den Besuchern der früheren Synagoge tiefe Betroffenheit bis hin zu Tränen ausgelöst, sagte eine städtische Kultur-Mitarbeiterin: "Die Kammer provoziert die Reaktion, die jeder in sich hat!" [...]
"Die Kunst ist frei. Aber Sierra muss sich fragen lassen, ob er statt gegen die 'Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust' zu arbeiten nicht Opfer des Holocaust verletzt und den Holocaust banalisiert", meinte Regierungssprecher Thomas Kemper."
(fr-aktuell: Sierras umstrittenes Synagogen-Projekt wird ausgesetzt)
"Das Kunstprojekt von Santiago Sierra ist ein Skandal. Dies ist eine niveaulose Provokation auf Kosten der Opfer des Holocaust", so der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer,... Wer meint, es sei Kunst, eine 'Gaskammer' durch hochgiftige Autoabgase, noch dazu in einer ehemaligen Synagoge, zu simulieren, um damit vermeintliche Authentizität zu vermitteln, missbraucht schamlos die Kunstfreiheit. Das fiktive und geschmacklose Kunstspektakel verletzt nicht nur die Würde der Opfer des Holocausts sondern der jüdischen Gemeinschaft. Dies hat absolut nichts mit Erinnerungs- oder Gedenkkultur zu tun", so Kramer weiter."
(haGalil: Eine skandalöse Kunstaktion)
>> eines der bisher wenigen blogs, die sich mit der kunst-aktion auseinandersetzen ist lizas welt: Auschwitz spielen, Game over, Pulheimer Krauts?
nachtrag, weitere blogs zum thema:
bazblog, finger.zeig.net, kulturforum-koeln, chajms sicht, side effects, lyriost, cheinemanieren, starstruck-blog
>> google-news suche zum thema: Pulheim Kunst Santiago Sierra Gas Synagoge
>> technorati suche zum thema: Pulheim Kunst Sierra Gas Synagoge
>> technorati suche zum thema: santiago sierra
Kommentare
Gerade moderen Kunst ist teilweise schwer nachvollziehbar oder begreifbar, aber dieses Verunstaltung von Kunst müsste eigentlich jeder normale Mensch als verunglückt empfinden.Was sich manche "Künstler" bei ihren Aktionen denken ist mir rätselhaft.
Ich halte solche Aktionen aber immerhin für besser und wirksamer, als das bigotte Geschwätz der Politik von der Betroffenheit, Gedenken an die Opfer des Holocaust blablabla etc, die die meisten wie einen Katechismus auswendig daher murmeln. Kunst muss provozieren und vor den Kopf stoßen. Das ist verdammt noch mal ihre Aufgabe. Da darf guter Geschmack und ähnliches keine Rolle spielen.
Trackback: Erlebnispark Gaskammer geschlossen Das umstrittene Projekt des Künstlers Santiago Sierra, in dem er Autoabgase in eine Stommelner Synagoge leitet, durch welche Besucher mit Gasmaske schreiten, ist vorerst auf Eis gelegt. Der Künstler gibt zwar vor mit dieser Aktion gegen ?die Banalisierung...
ich stimme semmel zu, kunst muß provozieren dürfen und bigottes geschwätz gibt es genug, stimmt auch. trotzdem ist die aktion mißraten, das ist nicht eine frage des geschmacks, sondern der aktion an sich. die aktion selbst ist banal und auf thrill ausgelegt, es geht ihr weniger um die erinnerung (eine entsprechende umsetzung findet zu keiner zeit statt), die synagoge ist lediglich staffage. da stimme ich dem bembel zu. kunst, die offenbar um der provokation willen provoziert, die wird dem vorgeblichen thema wirklich nicht gerecht, den gefühlen und empfindungen der opfer eh nicht. eine drastische aktion muß sich auch drastische kritik gefallen lassen.
ich bin mir unschlüssig, wie mit dieser aktion umgegangen werden sollte.
Trackback: kunst in der gaskammer der bembelkandidat berichtet kritisch
bazinho behagt im bazblog meine drastische wortwahl "holocaust-porno" nicht gerade:
die drastische wortwahl kommt wegen der drastischen aktion zustande. letztlich ist es der banale, platte versuch, etwas 1:1 "abzubilden". in dem event erlebtes, gefühltes, soll an "gleiches" erinnern, nichts anderes macht ein porno.
Kunst muss provozieren. Da bin ich ganz und gar dafür. Aber für die Opfer des Holocaust, ist eine "Banalisierung" sicher nicht zu spüren.
Wir sollten alle daran arbeiten, dass die Vergangenheit nicht vergessen wird und die Gegenwart nicht braun wird.
Und auch daran, dass die Opfer nicht ein zweites Mal Opfer werden, weil die Künstler ein "Banalisierungsproblem" haben.
Kunst muss gar nix. Wenn "Kunst" provozieren MUSS, verkommt sie zum Manierismus, damit zur hohlen Geste. Das spüren wohl alle, die an diesem Dings rummäkeln.
Kunst oder nicht Kunst - das ist mir in diesem Zusammenhang wurst. Es geht darum, das das Furchtbare nicht vergessen wird. Aber man kann es doch nicht für sich sinnlich erfahrbar machen,wie es ist, in die Gaskammer zu kommen - mit Gasmaske??? Die einzige Möglichkeit, eine schwache Vorstellung davon zu bekommen, ist immer noch ein Besuch in einer der KZ-Gedenkstätten, wo man das, was übrig geblieben ist, sehen kann.
Wenn ein Besucher der Puhlheimer Aktion das nicht aus Sensationslust, sondern wirklich ernsthaft gemacht hat, muss er sich doch sehr hilflos vorgekommen sein und geschämt haben in seiner Gasmaske.
Doch noch was zum Thema "Kunst": es soll auch mal Künstler gegeben haben, die soviel Ehrfurchtgefühl in sich hatten, dass sie sagten: "Dies hier kann ich nicht darstellen, dazu muss die Kunst schweigen".
Das Problem ist: Wie kann man betroffen sein, wenn man nicht selbst betroffen ist? "Hautnah erleben" kann man etwas nur, wenn man es hautnah erlebt. Aber wenn man dabei nicht wirklich seine Haut riskiert, dann kann man auch nichts begreifen. Deshalb sind solche Aktionen nicht geeignet, um den Schrecken nachvollziehbar zu machen. Wohl aber, um die Ritualisierung der Betroffenheitsgestik deutlich zu machen und uns allen vor Augen zu führen, wie überheblich wir sind, wenn wir uns einbilden, wir hätten etwas begriffen und könnten es gefühlsmäßig nachvollziehen.
müssen muß sie nicht, die kunst, können und dürfen schon.
daß mensch keine gedichte oder andere kunst über auschwitz machen darf, sehe ich nicht so. daß viele opfer dies nicht können oder wollen ist verständlich. trotzdem muß das sog. "unaussprechliche" auch und gerade in der kunst ausgesprochen werden. sierra ist allerdings nur eine provokation gelungen, auf kosten der gefühle von opfern, kunst ist ihm nicht gelungen, denn nur etwas zum thema zu machen, das ist keine kunst.
auf der webseite von pulheim heißt es momentan:
"Die Synagoge in Pulheim-Stommeln ist am Sonntag, 19.März 2006 geschlossen. Das Projekt mit der Arbeit von Santiago Sierra wird ausgesetzt. Dem Künstler wird damit Gelegenheit gegeben, sich persönlich gegenüber den Institutionen zu äußern, die massiv protestiert haben."
Was will man mehr als Künstler in diesen Zeiten? Jackpot: Ein Skandälchen... ;-)
Porno ist die absolut zutreffende Bezeichnung. Von dieser Sorte - thematisch angebunden an die Shoa - gibt es schon unzählige, einer bescheuerter als der andere - angefangen vom in Legosteinen nachgebauten KZ bis zum Foto, in dem die "Künstler" hinter einen Stacheldrahtzaun posieren und ein historisches Foto von Der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz mit ihnen selbst als Opfern nachstellen. Porno ist nicht nur 1 zu 1 Abbildung - das sicher auch. Es ist aber auch einfach nur eine Geldquelle oder ein Anlaß, aus unbekannten, narzistisch bedürftigen Leuten, die einfach nichts wesentliches zu sagen haben, per Provokation oder "Tabuverletzung" oder eben dem "hippen Gegenstand" auf sich aufmerksam zu machen.
Tipp zum Umgang damit: ignorieren. Keinen Skandal draus machen. Das ist den Verursachern dieser Ekligkeit am unangenehmsten.
und der künstler schweigt beredt zum skandälchen...
Äh, nein, tut er nicht. Er hat mit der Verwaltung vereinbart, zu einem Gespräch mit den Kritikern nach Deutschland zu kommen. Mal sehen, was da heraus kommt; wenn die Diskussion öffentlich ist, werde ich mal zusehen und berichten.
stimmt schon, ein gespräch an unbekanntem ort in pulheim o.ä. mit ausgesuchten "kritikern" (wer sucht die aus, nach welchen kriterien?). doch bis dahin schweigt er, verweigert sich jeder stellungnahme, läßt nur verlautbaren (!), daß er selbst über die reaktion betroffen sei (er sollte über sein werk erschrecken). tja, wer weiß, vielleicht lacht er sich ins fäustchen, daß er sich so wichtig machen konnte, daß seine provokation ankommt, noch schweigt er ja dazu, macht sich noch "geheimnisvoller", noch "wichtiger". vieleicht muß er sich ja auch noch einige argumente holen, suchen, ausdenken, für das geheime gespräch. wenn die diskussion öffentlich sein sollte (was ich nicht glaube), dann wäre natürlich ein vor-ort-bericht interessant.
Trackback: Fotos von der Synagoge Da gestern ein wunderschöner Tag zum Fotografieren war, habe ich diesen auch genutzt und ein paar Fotos von der Synagoge in Pulheim-Stommeln gemacht. Da ein Betreten der Räumlichkeiten augenblicklich nicht möglich ist, sind es leider nur Au�enaufn...















